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gegen die Geräusche unseres Lebens
Theodor Lessing, 1933 von den Nationalsozialisten
ermordet, veröffentlichte seine »Kampfschrift gegen die Geräusche
unseres Lebens« bereits 1908. Seither nie wieder aufgelegt, begleitet
Horst Brandstätter sie mit einem Essay gegen die Harthörigkeit
unserer Tage.
Was lebt, gibt Laut, und die Klagen über Lärm sind so alt wie
die Menschheit selber. Theodor Lessing erzählt uns die erstaunlichsten
Beispiele und präsentiert uns illustre Kronzeugen mit wunderlichen
Marotten. Wie gerne identifizieren wir uns mit den Altvorderen, je exzentrischer
sie uns anmuten, um so mehr trösten sie uns in unserem Grundgefühl
der Ohnmacht. Ohnmacht gegenüber der als Terror empfundenen Geräuschskala
des Alltags, deren virtuose Bandbreite sich jeder Aufzählung entzieht.
Die Lage ist ernst, aber weniger hoffnungslos, wenn man sie mit Mitteln
der Satire aufs Korn nimmt wie Horst Brandstätter. Nichts war reizvoller,
als die schon 1908 Theodor Lessing zur Weißglut treibenden Lärmbelästigungen
mit den heutigen ohrenbeglückenden Erfindungen in Vergleich zu setzen.
Bierwagen mit vier – natürlichen – PS gegen Manta und
Tuning, Klavier, genannt »das Leiserchen«, gegen Hightech-Sound
mit Michael Jackson, die ersten, aufregend selten fahrenden Automobile
gegen die tägliche Stop-and-go-Idylle der A 8. Und der damals höchstens
bei Gewitter dröhnende Himmel gegen die Jet-Flotte von heute. Nichts
als Fortschritt.
Wie wehrt man sich als friedlicher Hörer, als denkender Mensch, als
Naturliebhaber? Zu welchen Verzweiflungsschritten, sprich Fluchtwegen
– und wohin – entschließt man sich klugerweise? Horst
Brandstätter, in der Maske des listigen Schwejk nicht weniger als
in der des tumben Tors, erlebt die reinste Farce auf der Suche nach einem
Ort, wo er ungestört seine so erfrischende, jeden Lärmgeschädigten
zum Kampf gegen das Übel ermutigende »Schrift« in den
stillen, keinem Ohr lästigen Laptop eingeben kann.
Das geschieht zu Badenweiler. Und in besonderer Achtung vor Theodor Lessing,
den er mit dessen »Kampfschrift gegen die Geräusche unseres
Lebens« als geistreichen, scharfzüngigen Kritiker und hochherzig
sozial engagierten Intellektuellen wieder in Erinnerung ruft. Wer Unterhaltsamkeit
sucht, der kommt vor allem in den Kapiteln »Geräusche«
und »Rechtsschutz wider den Lärm« auf seine Kosten, –
auch die Justiz hatte (hat?) offensichtlich einen Hang zum Lärmen.
Welche Ursachen dem menschlichen Bedürfnis nach Lärm zugrunde
liegen, erörtern die beiden ersten Kapitel, die psychologisch und
soziologisch über den damaligen Stand der Wissenschaft hinaus bedenkenswerte
Gültigkeit haben. Lessings »Psychologie der Betäubung«
ist heute aktueller denn je.
Dass Lessings scharfer Blick, sein tiefes Gefühl für Gerechtigkeit
und geistige Freiheit, der Infamie der Nationalsozialisten so zuwiderlief,
dass sie ihn ermordeten, – auch dessen gedenkt Horst Brandstätter;
sensibel leitet er von der Satire zur Tragik der Biografie über.
Dennoch endet die Recherche nicht in der Vergangenheit. Da ist noch der
»Badenweiler Marsch«, zwar eine Fußnote nur, halb Satire,
halb bitterer Ernst, doch von der Art, wie Lessing sie vermutlich gutgeheißen
hätte.
Der Band enthält die Schrift »Der Lärm – Eine Kampfschrift
gegen die Geräusche unseres Lebens« von Theodor Lessing sowie
den Essay »Badenwyler Marsch« von Horst Brandstätter;
abgeschlossen wird er mit einer »Synopse für Neugierige«,
in der der Leser Bekanntes und Unbekanntes aus dem Leben Theodor Lessings
und dessen geschichtlich-kulturellem Umfeld aufspüren kann.
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