»Dieses
Bekenntnisbuch zu lesen, würgt den deutschen Leser immer noch in
der Kehle.« RUPERT NEUDECK
Wie übersteht ein Kind die Tragödie
der 900 Tage andauernden Leningrader Blockade?
Die Jahre 1941/1942 waren für Leningrad die schwersten und tragischsten
seit Menschengedenken. Woran liegt es, dass es so wenig bekannte und allgemein
zugängliche Literatur über die Ereignisse der Leningrader Blockade
gibt? Warum ist dieser Begriff kaum einem Menschen im Westen geläufig?
Während der 900 Tage andauernden Belagerung, vor allem im Winter
1941/42, starben in Leningrad mehr Menschen als je zuvor in einer modernen
Stadt. Schätzungsweise waren es mehr als zehnmal so viel wie nach
dem Atombombenabwurf über Hiroshima. Eine allgemein zugängliche
Schilderung der Ereignisse fehlt. Deshalb sind die Kindheitserinnerungen
Ella Fonjakovas auch von großer historischer Bedeutung!
Hier berichtet eine Betroffene, wie sie die
Belagerung erfahren hat.
Am 9. September 1941 befiehlt Marschall Woroschilow im Auftrag Stalins:
»Das rote Leningrad muss sich bis zum Letzten verteidigen und seine
Kriegsindustrie in Gang halten.« In der zweiten Septemberwoche 1941
bewegt sich die Heeresgruppe Nord auf Leningrad zu, um der Stadt den »Todesstoß«
zu versetzten. Im Oktober beginnt der große Hunger. Die Versorgungslage
ist dramatisch. Die Menschen sterben im Schlaf und auf offener Straße,
ihre Leichen blieben tagelang liegen, so wie die Körper zu Boden
gestürzt waren. Währenddessen wird Leningrad pausenlos bombardiert.
Konnte der Hunger noch schlimmer werden? Ja. Die Leningrader reißen
Tapeten von den Wänden und kratzen den angetrockneten, aus Kartoffelmehl
hergestellten Kleister davon ab. Sie kochen Gürtel und Taschen aus
Leder aus, um die eiweißreichen, tierischen Nährstoffe daraus
zu gewinnen. Ende November 1941 sind bereits mehr als 11.000 an den Folgen
des Hungers gestorben. Die Rationen betragen nur noch zwischen 125 g und
300 g pro Tag, und die Temperaturen sanken auf minus 20 Grad. Allein im
Dezember 1941 starben 53.000 Menschen.
Was das tägliche Brot vor allem im ersten Blockadewinter bedeutete,
erfährt der Leser hautnah, aber auch dies: Der Mensch lebt nicht
vom Brot allein! Dimitri Schostakowitsch komponierte für die Eingeschlossenen
seine große Siebte – die »Leningrader Symphonie«.
Auch das war Brot.
Wie überlebt ein Kind dieses Inferno? Lebendige
Kunst und Geborgenheit waren stärker als Tod und Vernichtung.
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